Es begann mit einem Hampelmann

(Modeblatt, 1981)

Hampelmann HPIn ihrem Lagerraum in Zürich-Wipkingen staunt man vor den Stapeln hölzerner Puzzles, Spiele, Bilderbücher, Würfelmosaike, Hampelmänner und Mini-Bilderrahmen. Stapel, die darauf hindeuten, dass Kiener-Spielzeuge begehrte Artikel sind - nicht nur in der Schweiz. Auf einer Weltkarte sind die Absatzgebiete mit Fähnchen markiert: Das nördlichste von Kathrin Kiener belieferte Land ist Norwegen, das südlichste Italien, im Westen folgen die USA und im Osten Japan.

Vor sechs Jahren allerdings, bei ihrem bescheidenen Eintritt ins Spielzeuggeschäft, der durch oft entmutigendes Hausieren von Spielzeugboutique zu Boutique geprägt war, hätte sich die Diplomatentochter aus Bern, die in ihrer Jugend schon in Griechenland, Holland, Ungarn, Mexiko, Deutschland und Indonesien ihr Zuhause hatte, diesen Erfolg nicht einmal träumen lassen.

Wie so viele Karrieren entwickelte sich auch die ihre rein zufällig.Von Vorteil und ausschlaggebend waren dabei ihre Ausbildung als Kindergärtnerin, besonders der damalige Werkunterricht im Seminar, der ihre Leidenschaft für das Schaffen mit Holz weckte. In ihrer Kindergärtnerinnenzeit begann sie dann, für ihre Schützlinge selber Spielzeug herzustellen. Darunter war auch ein Hampelmann, der die Wand ihres Kindergartens in Regensdorf schmückte. Eine Kollegin bewunderte ihn und fragte sie, wo sie ihn denn gekauft habe. "Da klingelte es bei mir", erzählt uns Kathrin Kiener. "Denn bis jetzt dachte ich immer, dass Gekauftes viel schöner sei als Selbstgebasteltes." Spontan entschloss sie sich, nach sieben Jahren ihren Kindergartenberuf an den Nagel zu hängen und ins Spielwarengeschäft einzusteigen, zumal sich das Risiko in Grenzen hielt, war doch im Hintergrund immer noch ein Ehemann, der für seine spielzeugfabrizierende Frau viel Verständnis hatte und Ende Monat sicher seinen Zahltag nach Hause brachte. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte sie den "Rosenhof" in Zürich, einen Freiluftmarkt in der Zürcher Altstadt, wo in der wärmeren Jahreszeit jeweils am Donnerstag vorwiegend Selbstgemachtes feilgeboten wird. Sie mischte sich mit ihrem Sortiment unter die Marktfrauen und spielte Verkäuferlis. Dabei hatte sie nicht nur auf Anhieb Erfolg, sondern fand auch zum ersten Mal Gefallen an Zürich als Stadt, denn sie traf auf dem Markt viele Bekannte, knüpfte neue Kontakte, kurz, sie fand's "glatt". Natürlich war der Verkaufserlös immer noch kaum der Rede wert.

Der nächste Schritt war schon um einiges zielstrebiger, denn nun packte Kathrin einen Hampelmann und ein paar Holzpuzzles in einen Plastiksack und machte sich auf den Weg zur "Ornaris", der größten Schweizer Einkäufermesse für Spielzeug, Schmuck, Mode, Geschenkartikel und so weiter und erkundigte sich an der Information nach einem bescheidenen Ausstellungsplätzchen. "Dort fragten sie mich, was ich für Ware hätte. Als sie mein Plastiksäcken sahen, bekamen sie einen Lachkrampf, die meisten anderen Aussteller kamen nämlich mit ganzen Lastwagen voller Waren angefahren."

Mit ein paar Bestellungen hatte Kathrin Kiener schon gerechnet, nicht aber mit 50, die zudem relativ kurzfristig zu liefern fahren. Nun wurde es dir doch etwas mulmig zu Mute, besonders weil die Bandsäge, mit der die einzelnen Teile der Puzzles und der anderen Spiele aus gesägt werden, zwar angefordert, aber noch nicht geliefert war, was sie jedoch tunlichst verschwieg. Ihr fester Glaube, es würde dann schon irgendwie gehen, erwies sich als richtig.

Die Jungunternehmerin organisierte sich nun noch professioneller. In finanzieller Hinsicht begann für sie der Ernst des Lebens, da sie nach ihrer Scheidung jetzt auf den eigenen Verdienst dringend angewiesen war.

Kathrin-Lager HPSie beschloss, sich auf jene Tätigkeiten zu konzentrieren, die ihr Spaß machten und alles andere, insbesondere die Produktion, zu delegieren. Ihr verblieben so Ideenausbrüten, Entwerfen und Zeichnen, das Ausarbeiten eines Prototyps, der Verkauf an den großen Einkäufermessen in Bayern, Zürich und Nürnberg, und der Vertrieb, aber auch der Materialeinkauf - vom Schräubchen über die Farbe, Pinsel bis zum Holz -, alles Buchhalterische und Administrative und natürlich die engen Kontakte mit den verschiedenen Betrieben, an die sie die anderen Arbeiten vergab. Zu diesen gehören noch heute unter anderen eine Schreinerei in Basel, eine Druckerei, die ihre Motive auf Holz aufdruckt und die Werkstätte des idyllisch gelegenen stadtzürcherischen Hauses für rehabilitationsbedürftige Männer im Mettmenstetten-Rossau, deren Einsatzmöglichkeit es Kathrin Kiener nicht zuletzt erlaubt, ihr Spielzeug zu annehmbaren und konkurrenzfähigen Preisen zu verkaufen. Andererseits ist man dort auch sehr dankbar für ihre Aufträge, weiß man doch im Unterschied zu anderen Großaufträgen, für wen man arbeitet, da die "Chefin" immer wieder einmal vorbeischaut, mit jedem ein bisschen plaudert oder fachsimpelt. Kein Wunder, dass hier die Puzzles  besonders liebevoll ausgesägt, die Kanten besonders geduldig abgeschliffen, und die Holzkistchen besonders sorgfältig gefertigt werden. Ein ehemaliger Schriftenmaler etwa verziert ihr Spielzeug von Hand und erkundigt sich bei jedem Besuch, ob er es auch wirklich gut gemacht habe. Ein anderer Mann, der an der Bandsäge arbeitet, hatte vor kurzem sein 5-jähriges Jubiläum im Dienste der Firma Kiener, was der Unternehmerin Anlass genug war, der treuen Seele das Abonnement ihrer Lieblingszeitschrift abzutreten.Kathrin-basteln 2 HP

Die fertig verarbeiteten Spielzeuge werden im Lager in Zürich von der Chefin persönlich verpackt, auf die Post geschleppt und in alle Welt verschickt. Da sie für den Vertrieb am liebsten ausgediente Bananenschachteln verwendet, wird sie von ihren Bekannten mit ihrem "Recycling" geneckt: Zuerst kommen sie mit Bananen beladen aus Guatemala zu uns, dann kaperst du sie dir für die Zügelei deiner Wohnung und stopfst sie schließlich voll mit Spielzeug für einen japanischen Kunden.

Der Erfolg ihres Spielzeugs, das ihr wohl gemerkt erst nach einer Durststrecke von vier Jahren den Lebensunterhalt finanzierte, führt Kathrin Kiener auf die schönen Farben, die einfachen Formen und die gute Qualität zurück: "Ich kämpfe gegen die Wegwerfmentalität, indem ich bewusst nur Sachen mache, die kindgerecht, schön und dauerhaft sind, die Fantasie des Kindes anregen und mit denen später einmal auch die Enkel spielen können."

Warenhäuser beliefert sie prinzipiell nicht: Fachgeschäfte und Boutiquen, deren Besitzer oft persönlich bei ihr an der Messe eingekauft und sich für ihr Spielzeug begeistert haben und es hinter der Ladentheke ebenso begeistert den Kunden anpreisen, sind ihr viel lieber, auch wenn deren Bestellungen vielleicht bescheidener bleiben. Allergisch reagiert sie auf die Behauptung, Heimatwerk und Fachgeschäfte seien viel zu teuer. "Die Leute denken einfach nie daran, dass der Aufwands bei qualitativ guten Sachen eben viel größer ist als bei den in Hongkong oder sonst wo gefertigten Billigstprodukten."

Mit Billiglohnländern hat Kathrin Kiener ihre Erfahrungen gemacht: Ganz am Anfang ihrer Karriere ließ sie in Thailand Wandbehänge für Kinderzimmer fertigen, die zu hiesigen Stundenlöhnen sonst unbezahlbar gewesen wären. Ein Geschäft wurden sie trotzdem nicht, denn die Leute prägten sich die Motive ein und machten die Wandbehänge zuhause selber. . .

alte-Spielsachen-1 HPGeklaut wird aber auch im ernsteren Sinne. Bringt Kathrin Kiener ein neues Spielzeug auf den Markt, wird es oft kopiert. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Da heißt es sich immer wieder Neues einfallen zu lassen. So sind auch neue Materialien vor ihren Ideen nicht sicher: Auf Weihnachten hin entwarf sie wohltuend unkitschiges  Packpapier und Tragtaschen, die mit ihren typischen Motiven, das sind stilisierte Autos, Flugzeuge, Kaktusse, Bäumchen, Regenbogen und so weiter bedruckt sind. Während unseres Besuches grübelte sie übrigens gerade an ihrem neusten Projekt, einem Domino für Blinde mit vertieften, ertastbaren Motiven, das bald auf den Markt kommen soll.

Von Beruf auffressen lassen will sie sich jedoch keineswegs, nicht nur weil um sie herum schon alles über den Stress "klönt", sondern weil sie auch ihre diversen Hobbies, zum Beispiel ihren Freundeskreis, die Lektüre psychologischer Bücher, ihre 30 Topfpflanzen, das Tanzen, Skifahren, Laufen, Wandern und die Pantomime nicht vernachlässigen möchte.

Was viele nicht ahnen, macht sie besonders stolz, nämlich dass sie ihre Firma im Einfraubetrieb schmeißt, immerhin ein Unternehmen, das von den Mini-Puzzles bis zu 10 000, von den anderen Spielen mindestens einige 100 Stück pro Jahr absetzt. Besonders amüsierte sie daher ein Brief, der wie folgt adressiert war: Firma Kiener Spielzeug, Abteilung Messebau.

Und wenn das Geschäft einmal nicht mehr so laufen sollte? Auch damit hat sich Kathrin Kiener schon befasst: "Dann packe ich mein ganzes Spielzeuglager ins Auto und reise wieder wie zu Beginn von Markt zum Markt." 

Text: Barbara Mani
Fotos: Paul Keel

 
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